Transhumanismus - FAQ (Fragen und Antworten)

Grundlegende Fragen zum Transhumanismus
Was ist Transhumanismus?
Transhumanismus steht für einen gänzlich neuen Ansatz zukunftsorientierten Denkens, der auf der Annahme basiert, dass die menschliche Spezies nicht das Ende unserer Evolution darstellt, sondern vielmehr ihren Anfang. Formell wird der Transhumanismus wie folgt definiert:

Das Studium der Implikationen, Versprechen und potentiellen Gefahren, die von der Anwendung von Wissenschaft, Technologie, Kreativität sowie von anderen Mitteln zur Überwindung grundlegender menschlicher Grenzen ausgehen.
Die geistige und kulturelle Bewegung, die eine fundamentale Veränderung der Bedingungen menschlichen Daseins für möglich und wünschenswert hält, insbesondere durch den vernünftigen Einsatz von Technologien, um den Alterungsprozess aufzuhalten und die intellektuellen, physischen und psychischen Kapazitäten des Menschen tiefgreifend zu erweitern.
Transhumanismus kann als eine Fortentwicklung des Humanismus, aus dem er teilweise hervorgegangen ist, bezeichnet werden. Humanisten legen auf den Menschen, auf das Individuum Wert. Wir mögen nicht perfekt sein, können aber etwas verbessern und rationales Denken, Freiheit, Toleranz und Demokratie fördern. Transhumanisten stimmen dem zu, unterstreichen aber auch nachdrücklich, dass wir das Potential besitzen, uns selbst zu etwas weiterzuentwickeln. Wir können rationale Mittel nicht nur einsetzen, um menschliche Lebensumstände und unsere Umwelt positiv zu verändern; wir können sie auch dazu verwenden, um uns selbst, also den menschlichen Organismus, zu verbessern. Und wir sind dabei nicht auf Methoden wie Erziehung, für die der Humanismus gewöhnlich eintritt, beschränkt. Wir können technologische Mittel einsetzen, die uns schließlich befähigen werden, uns über das hinaus zu entwickeln, was die meisten noch als “menschlich” bezeichnen würden.

Transhumanisten sind der Ansicht, dass wir infolge der immer größer werdenden Geschwindigkeit, in der technologische Entwicklungen stattfinden und in der wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden, in einen gänzlich neuen Abschnitt der Menschheitsgeschichte eintreten. In naher Zukunft werden wir der Aussicht auf künstliche Intelligenz gegenüberstehen. Neuartige kognitive Instrumente werden konstruiert werden, die künstliche Intelligenz mit einer neuen Schnittstellentechnologie vereinen. Molekulare Nanotechnologie besitzt das Potential, Ressourcen für alle im Überfluss zu schaffen und uns vollständige Kontrolle über die biochemischen Reaktionen in unserem Körper zu ermöglichen, und wird uns somit erlauben, jegliches Leiden zu beseitigen. Durch die Neugestaltung oder pharmakologische Veränderung unserer Gefühlszentren kann es uns ermöglicht werden, eine größere Emotionsvielfalt sowie ein Leben lang Glückszustände genießen zu können. Was mögliche Kehrseiten dieser Entwicklungen betrifft, so nehmen Transhumanisten ernst, dass einige dieser aufkommenden Technologien es vermögen werden, menschlichem Leben großen Schaden zuzufügen; selbst das Überleben unserer Spezies könnte in Gefahr sein. Auch wenn es sich hierbei um extreme Aussichten handelt, so werden sie doch von einer immer größer werdenden Zahl von Wissenschaftlern und naturwissenschaftlich versierten Philosophen und Soziologen berücksichtigt.

Über die letzten Jahre hinweg hat der Transhumanismus weltweit exponentielles Wachstum erfahren. Zur Zeit existieren zwei internationale transhumanistische Organisationen: das Extropy Institute und die World Transhumanist Association, die beide Online-Magazine herausgeben und Konferenzen organisieren. Es gibt in vielen Ländern lokale transhumanistische Vereine, in den USA findet man in fast jeder größeren Stadt Diskussionsgruppen. Zunehmend werden transhumanistische Inhalte sowohl im Web als auch in Büchern und Zeitschriftenartikeln publiziert, ferner führen Transhumanisten Online-Diskussionen in mehreren öffentlichen Internet-Mailinglists.

Verweise:
Extropy Institute. http://www.extropy.org/

World Transhumanist Association. http://www.transhumanism.com/

Transhumanistische Mailinglists: http://www.transhumanism.com/lists.htm

Was sind Transhumane?
“Transhuman” ist eine abkürzende Bezeichnung eines in einem Übergangszustand befindlichen menschlichen Wesens [engl. “transitional human"], eines fühlenden Individuums, das von dem Futuristen FM-2030 zum ersten Mal ausführlich beschrieben wurde als ein möglicher Schritt hin zur Evolution in ein posthumanes Wesen [siehe “Was sind Posthumane?"]. Indem er transhumane Wesen als die “erste Manifestation neuer evolutionärer Geschöpfe” bezeichnet, lässt FM darauf schließen, dass körperliche Erweiterungen durch Implantate, Androgynie, asexuelle Fortpflanzung und eine Identität, die sich auf mehrere physische Wesen verteilt, unter die Merkmale von Transhumanität fallen könnten.

In FMs Originalfassung sind Transhumane weder unbedingt die Zukunftsorientiertesten oder technologisch Fähigsten, noch sind sie sich notwendigerweise ihrer Rolle, eine “Brücke in der Evolution” zu schlagen, bewusst. Als FMs Ideen sich verbreiteten und mehr Menschen begannen, sich als Transhumanisten zu betrachten, nahm das Konzept vom transhumanen Menschen Züge von Selbstidentifikation und Eigeninitiative an, wie in dieser Definition der “Transhuman Terminology SubPage” deutlich wird:

Transhumaner: Jemand, der aktiv Vorbereitungen trifft, posthuman zu werden. Jemand, der gut genug informiert ist, um die extremen Aussichten zu realisieren und unter ihrer Miteinbeziehung vorausplant, und der jede schon heute verfügbare Möglichkeit nutzt, sich physisch und psychisch weiterzuentwickeln.

Viele Transhumanisten betrachten sich schon heute als transhuman, weil durch den Gebrauch von Werkzeugen die Fähigkeiten des menschlichen Körpers und Geistes in großen Umfang erweitert worden sind. Der Trend geht in Richtung kontinuierlicher Fortschritte in Entwicklung und Nutzung von globaler Kommunikation, Körpermodifikationen sowie Techniken zur Lebensverlängerung. Jeder Mensch, der aus diesem Trend für sich Nutzen zieht, kann noch zu Lebzeiten transhumanen Status erreichen. 

Verweise:
FM-2030. 1989. Are You a Transhuman? Warner Books, New York.

Transhumanist Lexicon [entspricht der “Transhuman Terminology SubPage"]: http://www.transhumanism.com/lexicon/

Was sind Posthumane?
Posthumane sind Fortentwicklungen des Menschen, die in einem solchen Maße weiterentwickelt worden sind, dass man sie nicht länger als Menschen bezeichnen kann. Viele Transhumanisten streben posthumanen Status an.

Ihre mentalen und physischen Fähigkeiten würden, wären Sie posthuman, die eines nicht weiterentwickelten Menschen bei weitem übersteigen. Sie würden jedes menschliche Genie geistig übertreffen, und es würde Ihnen wesentlich leichter fallen, sich Dinge zu merken. Ihr Körper wäre nicht anfällig für Krankheiten und würde mit zunehmendem Alter nicht verfallen, was ewige Jugend und Vitalität bedeuten würde. Sie könnten weit ausgedehnte Fähigkeiten besitzen, Emotionen zu verspüren und Freude, Liebe sowie Ästhetik zu erfahren. Sie bräuchten keine Müdigkeit oder Langeweile zu verspüren und sich nicht um Belanglosigkeiten zu sorgen.

Zu den Mitteln, mit welchen Transhumanisten einen posthumanen Zustand zu erlangen hoffen, gehören die folgenden [was natürlich nicht bedeutet, dass man sich auf diese beschränken muss]: molekulare Nanotechnologie, Gentechnologie, künstliche Intelligenz (manche sind der Ansicht, dass künstliche Intelligenzen die ersten Posthumanen sein werden), stimmungsverändernde Präparate, Anti-Aging-Therapien, neurologische Schnittstellen, hochentwickelte Informationsmanagement-Systeme, Präparate, die die Gedächtnisleistung verstärken, am Körper tragbare Computer ("Wearables"), ökonomische Konzepte (wie “Idea Futures”, “Collaborative Information Filtering” etc.) sowie kognitive Techniken. [Detailliertere Erläuterungen, wie all dieses uns posthuman werden lassen könnte, werden in nachfolgenden Abschnitten dieser FAQ gegeben.] Technologische oder gesellschaftliche Errungenschaften, die die ökonomische Effizienz insgesamt verbessern, neigen generell dazu, transhumanistischen Zielsetzungen förderlich zu sein. 

Posthumane könnten völlig synthetisch (auf künstlicher Intelligenz basierend) oder das Ergebnis vieler einzelner Weiterentwicklungen biologischer Menschen oder von Transhumanen sein. Einige Posthumane mögen sogar Vorteile darin sehen, sich ihrer Körper zu entledigen und als Informationsmuster in großen, extrem schnellen Computernetzwerken zu leben. Manchmal wird auch gesagt, dass es für uns Menschen unmöglich sei, sich vorzustellen, wie es wäre, posthuman zu sein. Posthumane könnten Aktivitäten nachgehen und Bestrebungen hegen, die zu ergründen wir auch nicht ansatzweise im Stande sind, sowenig wie ein Affe je hoffen könnte, die vielen Facetten des menschlichen Lebens zu erfassen.



Transhumanistische Technologien und Zukunftsszenarien
Was ist Nanotechnologie?
Nanotechnologie ist eine für die Zukunft erwartete Produktionstechnologie, die uns genaue, kostengünstige Kontrolle über die Struktur der Materie verleihen wird.

(Die Begriffe “Nanotechnologie” und “molekulare Nanotechnologie” werden manchmal benützt, um sich auf jegliche Technologie zu beziehen, die ermöglicht, auf Submikro-Ebene zu arbeiten, doch das Konzept, an das wir hier denken, schließt die Fähigkeit mit ein, einzelne Atome exakt zu platzieren. Der neuere Begriff “Molecular Manufacturing” wird manchmal gebraucht, um diese Zweideutigkeit zu vermeiden.)

Nanotechnologie wird die Konstruktion von Giga-ops Computern (Milliarden von Operationen pro Sekunde) ermöglichen, die kleiner als ein Kubikmikrometer sind; Zellreparatur-Maschinen; Produktions- und Recyclingapparaturen für jedermann; Equipment zur kostengünstigen Weltraumkolonisation und vieles mehr.

Allgemein gesprochen ist die zentrale These der Nanotechnologie, dass fast jede erdenkliche chemisch stabile Struktur auch hergestellt werden kann. Einige Aspekte dieser Idee lassen sich auf eine Rede Richard Feynmans aus dem Jahre 1959 zurückführen, aber erst nach Eric Drexlers substanziellen Analysen in den frühen Achtzigerjahren wurde die molekulare Nanotechnologie eine wissenschaftliche Disziplin und technologisches Langzeitprojekt. In den letzten Jahren stiegen das Interesse und die Investitionen in diesem Forschungsgebiet explosionsartig.

Drexler hat den “Assembler” zur Diskussion gestellt, eine Maschine, die einen submikroskopischen computergesteuerten Roboterarm besitzt. Er wird in der Lage sein, Reaktionspartner zu halten und zu positionieren, um den exakten Ort zu bestimmen, an dem chemische Reaktionen stattfinden. Dieser grundlegende Ansatz sollte die Konstruktion großer, auf das Atom genauer Objekte mittels einer Sequenz präzise gesteuerter chemischer Reaktionen erlauben, bei der Objekte Molekül für Molekül aufgebaut werden. Wenn sie dazu entwickelt worden sind, werden Assembler in der Lage sein, Kopien ihrer selbst herzustellen, das heißt zu replizieren.

Aufgrund ihrer Fähigkeit, Kopien von sich zu erstellen, werden Assembler nicht kostspielig sein. Das ist verständlich, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass viele andere Produkte molekularer Maschinen—Feuerholz, Heu, Kartoffeln—sehr günstig sind. Indem sie in großen Teams zusammenarbeiten, werden Assembler und stärker spezialisierte Nanomaschinen die Fähigkeit besitzen, Objekte kosteneffizient zu produzieren. Und da sichergestellt werden kann, dass jedes Atom korrekt platziert wird, werden sie Produkte von hoher Qualität und Zuverlässigkeit herstellen. Übrig gebliebene Moleküle würden ebenfalls dieser strikten Kontrolle unterliegen, so dass der Herstellungsprozess extrem sauber sein wird.

Die Plausibilität dieses Ansatzes lässt sich an Ribosomen veranschaulichen. Ribosome stellen alle Proteine her, die in den Lebewesen dieses Planeten vorkommen. Ein typisches Ribosom ist relativ klein (einige tausend Kubiknanometer) und ist in der Lage, fast jedes Protein zu synthetisieren, indem es Aminosäuren (die Bausteine der Proteine) in einer bestimmten linearen Sequenz verbindet. Um so zu verfahren, ist ein Ribosom in der Lage, eine spezifische Aminosäure zu greifen (präziser: es ist in der Lage, selektiv eine bestimmte Transfer-RNA zu greifen, die wiederum durch ein bestimmtes Enzym chemisch an eine spezifische Aminosäure gebunden ist), das wachsende Polypeptid zu halten und die spezifische Aminosäure dazu zu veranlassen, mit dem Ende des Polypeptids zu reagieren und an dieses angefügt zu werden.

Auf ähnliche Weise wird ein Assembler eine beliebige molekulare Struktur anhand einer Befehlssequenz aufbauen. Der Assembler wird jedoch Kontrolle über die dreidimensionale Positionierung und genaue Orientierung der molekularen Komponente ermöglichen (analog zur einzelnen Aminosäure), die einer wachsenden komplexen molekularen Struktur (analog zum wachsenden Polypeptid) angefügt wird. Darüber hinaus wird der Asssembler die Fähigkeit besitzen, jede der vielen verschiedenen Arten von chemischen Bindungen entstehen zu lassen, nicht nur die eine Art (die Peptidbindung), die das Ribosom bildet.

Eine Konsequenz aus dem Vorhandensein von Assemblern ist, dass sie preiswert sind. Weil ein Assembler darauf programmiert werden kann, fast jede Struktur aufzubauen, kann er insbesondere darauf programmiert werden, einen weiteren Assembler zu konstruieren. Demgemäß sollten sich selbst reproduzierende Assembler möglich sein, und folglich würden sich die Produktionskosten von Assemblern hauptsächlich aus der bei ihrer Herstellung benötigten Energie und den Rohstoffen zusammensetzen.

Eine Hauptschwierigkeit bei der Nanotechnologie ist das “Bootstrap-Problem”—wie baut man den ersten Assembler. Es gibt mehrere vielversprechende Ansätze: Einer von ihnen ist, ein Rastertunnel- oder ein Rasterkraftmikroskop so zu verbessern, dass es über die erforderliche Positionierungsflexibilität und Greiffähigkeit verfügt, die erforderlich ist, um Atome und Moleküle mit ausreichender Präzision in einem dreidimensionalen Koordinatensystem zu platzieren. In dieser Richtung werden bereits Fortschritte erzielt; der Firmenname IBM geriet vor einigen Jahren in die Schlagzeilen, als er mit 35 exakt positionierten Xenon-Atomen auf eine Oberfläche geschrieben wurde.

Ein anderer Weg, den ersten Assembler herzustellen, führt über die synthetisierende Chemie. Man kann sich vorstellen, geschickt gestaltete chemische Bausteine zu synthetisieren, die sich in gelöstem Zustand selbsttätig zusammensetzen können.

Wiederum ein anderes Konzept bedient sich der Biochemie. Ribosomen sind zweckspezifische Assembler, und wir könnten sie nutzen, um Assembler mit allgemeineren Fähigkeiten herzustellen. Ein ernstes Hindernis bei diesem Konzept ist das Problem der Proteinfaltung—die Gestalt einer gegebenen Aminosäuresequenz in gelöstem Zustand vorauszusagen. Während sich die umfassende Lösung dieses Problems rechnerisch als kompliziert darstellen mag, könnte es möglich sein, die Gestalt des entstehenden Proteins in einigen speziellen Fällen vorherzusehen, und diese voraussagbaren Proteine könnten einen Satz von Strukturen bilden, der groß genug ist, dass wir sie einsetzen können, um einen universelleren Assembler zu bauen.

Dass Universal-Assembler mit den Gesetzen der Chemie vereinbar sind, wurde in Drexlers “Nanosystems” (1992) demonstriert. Dieses Buch zeigte auch, dass Universal-Assembler ein sehr breites Spektrum an nützlichen Strukturen bauen könnten, extrem leistungsstarke Computer eingeschlossen. Tatsächlich könnte praktisch jede Struktur, deren atomare Details bekannt sind und die mit den Gesetzen der Chemie im Einklang steht, von molekularen Assemblern kostengünstig und fast ohne Abfälle aufgebaut werden. Es wird allgemein angenommen, dass ausgereifte Nanotechnologie auch die Voraussetzungen zur Reanimation kryogenisch suspendierter Personen schaffen und Uploading [siehe “Was ist Uploading?"] ermöglichen würde.

Während sich die Ansicht unverkennbar durchgesetzt zu haben scheint, dass molekulare Nanotechnologie prinzipiell möglich ist, ist es schwerer, sich darauf festzulegen, wieviel Zeit sie zu ihrer Entwicklung benötigen wird. Unter Experten schätzt man allgemein, dass der erste universelle Assembler um das Jahr 2017 gebaut werden wird, plus minus zehn Jahre, aber diesbezüglich gibt es viele Uneinigkeiten.

Da die Implikationen der Nanotechnologie so immens und vielfältig sind, ist es unbedingt erforderlich, dass die Menschen jetzt beginnen, sich ernsthaft mit diesem Thema zu beschäftigen. Wenn Nanotechnologie missbraucht werden sollte, könnte dies verheerende Konsequenzen nach sich ziehen; die Gesellschaft muss Wege finden, dieses Risiko zu minimieren. [Siehe auch “Was geschieht, falls diese neuen Technologien im Krieg eingesetzt werden?"]

Verweise:
Drexler, E. 1986. The Engines of Creation: The Coming Era of Nanotechnology. http://www.foresight.org/EOC/index.html

Drexler, E. 1992. Nanosystems, John Wiley & Sons, Inc., NY.

Foresight Institute. http://www.foresight.org/

Was ist Superintelligenz?

Eine Superintelligenz ist jeder Intellekt, der selbst das beste menschliche Gehirn auf praktisch jedem Gebiet weit übertrifft, forscherische Kreativität, eine umfassende Problemlösungsgabe und soziale Kompetenz inbegriffen.

Manchmal wird zwischen schwacher und starker Superintelligenz unterschieden. Schwache Superintelligenz ist, was man erhielte, wenn man ein dem menschlichen ähnelndes Gehirn mit einer erhöhten Geschwindigkeit arbeiten lassen könnte, möglicherweise, indem man das Bewusstsein eines Menschen in einen Computer lädt [siehe “Was ist Uploading?"]. Wenn die Arbeitsgeschwindigkeit des Uploads tausendmal höher wäre als die eines biologischen menschlichen Gehirns, nähme der Upload die Wirklichkeit um den Faktor Tausend verlangsamt wahr. Das bedeutet, dass dieser in einer bestimmten Zeit tausendmal mehr Denkarbeit leisten könnte als sein natürliches Pendant.

Mit starker Superintelligenz bezieht man sich auf einen Intellekt, der nicht nur schneller ist als ein menschliches Gehirn, sondern diesem auch qualitativ überlegen ist. Wie sehr man das Gehirn eines Hundes auch beschleunigen würde, man würde niemals ein Gehirn erhalten, das dem des Menschen gleichkommt. Dementsprechend sind manche Menschen der Ansicht, es könnte einmal starke Superintelligenz geben, an die kein menschliches Gehirn heranzureichen im Stande wäre, ganz gleich, wie schnell dieses ist. (Die Unterscheidung zwischen schwacher und starker Superintelligenz muss jedoch keinesfalls eindeutig sein: Ein ausreichend beschleunigtes menschliches Gehirn, das fehlerfrei arbeitet und über ausreichend Speicherkapazität (oder Notizpapier) verfügt, könnte prinzipiell jede nach Turing berechenbare Funktion bewältigen. Nach Churchs These entspricht die Anzahl der nach Turing berechenbaren Funktionen der der mechanisch berechenbaren.)

Viele (aber nicht alle) Transhumanisten sind der Ansicht, dass Superintelligenz in der ersten Hälfte des kommenden Jahrhunderts verwirklicht werden wird. Dies setzt zwei Dinge voraus: Hardware und Software.

Wenn Chip-Produzenten die nächste Generation von Computerchips entwickeln, verlassen sie sich auf eine Regelmäßigkeit, die als “Moore´s Law” ("Moores Gesetz") bekannt ist: Es besagt, dass sich die Prozessorgeschwindigkeit etwa alle 18 Monate verdoppelt. Moores Gesetz galt bisher für alle Computer, selbst für die alten mechanischen Rechenmaschinen. Wenn es sich weiterhin als gültig erweisen wird, so wird in einigen Jahrzehnten Hardware realisiert worden sein, deren Leistungsfähigkeit der des menschlichen Gehirns entspricht. Moores Gesetz ist reine Extrapolation, seine Schlussfolgerung wird jedoch bekräftigt, wenn man direkt in Betracht zieht, wo die physikalischen Grenzen liegen und was schon heute in den Labors entwickelt wird. Gewaltige Parallelrechner könnten auch ein Weg sein, um Rechenleistung auf menschlichem Niveau sogar ohne schnellere Prozessoren zu erreichen.

Was das Softwareproblem betrifft, so werden uns Fortschritte in der computergestützten Neurowissenschaft Einblick in die Rechenarchitektur des menschlichen Gehirns und in Gesetzmäßigkeiten, nach welchen es lernt, geben. Dann können wir dieselben Algorithmen auf einem Computer implementieren. Wenn wir der Sache mit einem Ansatz über neuronale Netzwerke begegnen, müssten wir die Superintelligenz gar nicht programmieren: Wir könnten sie dazu bringen, aus Erfahrung zu lernen, genau wie es auch ein Kind tut. Eine mögliche Alternative zu diesem Weg könnte sein, genetische Algorithmen und Methoden der klassischen KI anzuwenden, um eine Superintelligenz zu realisieren, die keine große Ähnlichkeit mit einem menschlichen Gehirn aufweisen mag.

Das Aufkommen von Superintelligenz wird zweifellos jegliche anthropozentrische Weltanschauung in philosophischer Hinsicht tief erschüttern. Sehr viel wichtiger sind jedoch die praktischen Auswirkungen: Die Entwicklung von Superintelligenz ist die letzte Erfindung, die die Menschen je zu machen brauchen, da Superintelligenzen die weitere wissenschaftliche und technologische Entwicklung effizienter fortführen könnten, als Menschen dazu im Stande wären. Die menschliche Spezies wird nicht länger die intelligenteste Lebensform im uns bekannten Universum sein.

Die Aussicht auf Superintelligenz wirft viele Fragen und Probleme auf, mit denen wir uns jetzt intensiv auseinander setzen müssen, bevor sich die eigentlichen Entwicklungen vollziehen. Die große Frage lautet: Was kann getan werden, um die Aussicht darauf zu maximieren, dass die Menschen aus dem Aufkommen von Superintelligenz Nutzen ziehen werden und dieses uns keinen Schaden zufügt? Das Ausmaß an Fachwissen, das nötig ist, um sich der Beantwortung dieser Frage zuzuwenden, geht weit über das der KI-Forscher hinaus. Neurologen, Ökonomen, Kognitionswissenschaftler, Informatiker, Philosophen, Soziologen, Sciencefiction-Autoren, Militärstrategen, Politiker, der Gesetzgeber und viele andere werden ihr Wissen vereinigen müssen, um wohl durchdacht die vielleicht größte Aufgabe in Angriff zu nehmen, die die Menschheit je zu bewältigen haben wird.

Transhumanisten tendieren dazu, sich selbst zu Superintelligenzen entwickeln zu wollen. Es gibt zwei Wege, über die sie hoffen, dies zu verwirklichen: (1) Durch allmähliche Fortentwicklung ihrer biologischen Gehirne, möglicherweise indem sie Nootropics ("Smart Drugs"), kognitive Techniken, informationstechnologische Instrumente (z. B. Wearables (am Körper tragbare Computer), Smart Agents, Informationsfilterungssysteme, Visualisierungssoftware etc.), neurologische Schnittstellen und bionische Gehirnimplantate nutzen. (2) Durch Uploading des Bewusstseins.

Verweise:
Moravec, H. 1998. “When will computer hardware match the human brain?” Journal of Transhumanism. Vol. 1. http://www.transhumanist.com/volume1/moravec.htm

Bostrom, N. 1998. “How Long Before Superintelligence?”. International Journal of Futures Studies. Vol. 2. Also at http://www.hedweb.com/nickb/superintelligence.htm

Kurzweil, R. 1999. The age of spiritual machines. Viking Press.

Was ist virtuelle Realität?
Eine virtuelle Realität ist eine Umwelt, die man erleben kann, ohne sich physisch in ihr aufzuhalten. Theater, Oper, Kino und Fernsehen stellen primitive Vorläufer virtueller Realitäten dar. Einige dieser (Vorläufer von) virtuellen Realitäten nutzen die physische Realität als Vorlage. Wenn man z.B. die Olympischen Spiele im Fernsehen verfolgt, sitzt man vielleicht im Wohnzimmer und hört und sieht mehr oder weniger die gleichen Dinge, die man auch gehört und gesehen hätte, wenn man vor Ort bei dem Ereignis gewesen wäre. In anderen Fällen erlebt man Umwelten, die in der physischen Realität kein Gegenstück besitzen, so zum Beispiel, wenn man sich einen Tom & Jerry-Cartoon anschaut. Diese Arten von virtuellen Realitäten bezeichnet man auch als künstliche Realitäten.

Der Grad, bis zu dem man beim Fernsehen in die Geschehnisse eintaucht, ist ziemlich begrenzt - die Olympiade über den Fernseher zu erleben, läßt sich nicht wirklich damit vergleichen, dort zu sein - und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist die Auflösung gering. Ein normaler Fernseher hat zu wenig Pixel, um wirklich die Illusion von echter Wahrnehmung zu erzeugen. Hochauflösende Fernseher verbessern das, aber selbst mit einem sehr großen Bildschirm werden große Randbereiche der Retina nicht stimuliert; außerdem fehlt das räumliche Sehen. Diese Probleme können von einem Display gelöst werden, das auf dem Kopf befestigt wird und mit einem Laserstrahl die Retina direkt beschreibt. Weiterhin wäre die Einbeziehung zusätzlicher menschlicher Sinne wünschenswert - Kopfhörer für Stereosound und vielleicht Affektoren für die Stimulation des Tastsinns. Ein entscheidendes Element ist die Interaktivität; Fernsehen ist eine passive Erfahrung, eine ausgereifte virtuelle Realität würde es einem aber erlauben, die wahrgenommenen Objekte auch zu manipulieren. Dazu bräuchte man Sensoren, die die eigenen Reaktionen messen, so dass die virtuelle Realität bzw. die Simulation entsprechend aktualisiert werden kann.

Primitive virtuelle (und künstliche) Realitäten gibt es schon seit einiger Zeit. Die frühesten Anwendungen waren Trainingssimulationen für Piloten und das Militär. Sie werden aber in zunehmendem Maße auch in Computerspielen zur Unterhaltung eingesetzt. Weil VR sehr rechenaufwendig ist, sind Simulationen immer noch sehr grob. Mit steigender Rechenleistung und Verbesserung von Sensoren, Affektoren und Displays wird sich die VR in Genauigkeit und Interaktivität der physischen Realität annähern.

VR wird der menschlichen Kreativität unbegrenzte Möglichkeiten eröffnen. Der Mensch wird künstliche Erlebniswelten konstruieren, die nicht an die Gesetze der Physik gebunden sind, die den Teilnehmern aber so real wie die physische Realität erscheinen. Leute werden diese Welten zur Unterhaltung besuchen oder um zu arbeiten oder sich mit anderen Leuten zu treffen (oder Sex zu haben), von denen sich manche physisch auf einem anderen Kontinent aufhalten können.

Was ist Uploading?
Uploading (manchmal auch “mind uploading” - “Uploading des Geistes” - oder “Gehirnrekonstruktion” genannt) ist der hypothetische Vorgang, bei dem der Verstand von einem biologischen Gehirn auf einen Computer übertragen wird.

Dem liegt die Idee zugrunde, dass man nach dem Scannen der synaptischen Struktur eines Gehirns die gleichen Vorgänge, die normalerweise in den neuronalen Netzwerken des Gehirns ablaufen, auf einem elektronischen Medium implementieren kann. Einen Gehirnscan von ausreichender Auflösung könnte man erhalten, indem man das Gehirn mittels Nanotechnologie Atom für Atom demontiert. Auch andere Methoden wurden vorgeschlagen; so könnte man das Gehirn z.B. Scheibe für Scheibe von einem Elektronenmikroskop mit automatischer Bildverarbeitung analysieren lassen.

Als nützlich könnte sich die Unterscheidung erweisen zwischen destruktivem Uploading, bei dem das Originalgehirn während des Prozesses zerstört wird, und nicht-destruktivem Uploading, bei dem das Originalgehirn neben der Kopie intakt bestehen bleibt.

Es wird gegenwärtig diskutiert, unter welchen Umständen die persönliche Identität beim destruktiven Uploading erhalten bleibt. Die meisten Philosophen, die das Problem analysiert haben, glauben, dass das Upload des Gehirns von jemandem unter bestimmten Bedingungen dieser jemand selbst sein würde. Dies basiert auf der Idee, dass man fortexistiert, solange bestimmte Informationsmuster wie Erinnerungen, Werte, Meinungen und Emotionen erhalten bleiben; es ist nicht so wichtig, ob sie in einem Computer implementiert sind oder in diesem grauen, weichen Klumpen im Schädel.

Der Fall kann jedoch komplizierter werden, wenn man sich vorstellt, dass viele ähnliche Kopien eines auf Computer übertragenen Verstandes existieren. Welcher entspricht dem Original? Alle oder überhaupt keiner? Wer hat die Rechte an dem Eigentum? Wer ist mit der Ehefrau/dem Ehemann verheiratet? Hier gilt es, eine Menge philosophischer, rechtlicher und ethischer Herausforderungen zu lösen. Vielleicht werden dies die heiß diskutierten politischen Streitfragen des nächsten Jahrhunderts sein.

Einige Fakten über Uploading:

Uploading sollte mit Kryonikpatienten funktionieren, wenn ihre Gehirne in einem ausreichend intakten Zustand eingefroren sind. 
Uploads könnten in einer künstlichen Realität leben (d.h. in einer konstruierten, von Computern simulierten Umwelt). Eine Möglichkeit wäre es, Roboterkörper und Sensoren zu haben, so dass sie ihr Leben in der physischen Realität weiterführen könnten. 
Die Zeit, die die Uploads subjektiv empfinden, würde davon abhängen, wie schnell die Computer sind, auf denen sie laufen. 
Uploads könnten über ausgedehnte Computernetzwerke verteilt werden, und sie könnten regelmäßig Backups von sich selbst machen. Das sollte es für Uploads möglich machen, für eine prinzipiell unbeschränkte Zeit zu existieren. 
Uploads könnten im Vergleich zu biologischen Menschen mit einer sehr kleinen Menge von Ressourcen existieren, da sie weder stoffliche Nahrung noch Unterkunft oder Transportmittel benötigen. 
Uploads können sich extrem schnell reproduzieren (einfach, indem sie Kopien von sich selbst anfertigen). Das bedeutet, dass Ressourcen schnell knapp werden könnten, falls die Reproduktion nicht reguliert wird.

Was versteht man unter der “Singularität”?
Die technologische Singularität ist ein hypothetischer Zeitpunkt in der Zukunft, an dem die Fortschrittskurve fast vertikal verläuft, d.h. an dem das Tempo der technologischen Entwicklung extrem groß wird. Der Begriff stammt von Vernor Vinge, der glaubt, dass eine Singularität eintreten wird aufgrund von Fortschritten in der künstlichen Intelligenz, der Computer-Mensch-Integration oder anderer Formen der Intelligenzerweiterung - vorausgesetzt, wir schaffen es, eine Zerstörung der Zivilisation lange genug zu verhindern. Die Verstärkung der Intelligenz wird, so Vinge, an einem bestimmten Punkt zu einer positiven Rückkopplungsschleife führen: Intelligentere Systeme können noch intelligentere Systeme schaffen, und zwar schneller als die ursprünglichen, menschlichen Entwickler. Von dieser positiven Rückkopplung wird angenommen, dass sie stark genug ist, die Welt in einer sehr kurzen Zeit (Monate, Tage oder sogar nur Stunden) bis zur Unkenntlichkeit zu verändern und mit Superintelligenzen zu bevölkern.

Mit der Singularität wird auch häufig die Ansicht verbunden, dass es unmöglich sei, vorherzusagen, was nach ihr kommen wird. Die entstehende posthumane Welt mag so fremdartig sein, dass wir überhaupt nichts über sie wissen können. Eine Ausnahme könnten die grundlegenden Gesetze der Physik sein, aber sogar hier wird manchmal über die Existenz von unentdeckten Gesetzen spekuliert (wir haben noch keine Theorie über Quantengravitation) oder über das mangelhafte Verständnis der Konsequenzen der bekannten Gesetze (durchquerbare Wurmlöcher, das Entstehen von Subuniversen, Zeitreisen etc.), was Posthumane nutzen könnten, um Dinge zu tun, die wir normalerweise für physikalisch unmöglich halten.

Es hat sich gezeigt, dass etwas, das zu einem Zeitpunkt unvorhersehbar war, vorhersehbarer werden kann, wenn man sich dem Ereignis nähert. Jemand, der in den 1950er Jahren gelebt hat, konnte mehr Dinge über die heutige Welt voraussagen als ein Mensch aus der Renaissance, der wiederum mehr erahnen konnte als ein Steinzeitmensch. Weil die Grenze des Vorhersagbaren zurückweicht, je weiter wir in die Zukunft vorrücken, wird vielleicht niemals ein Punkt erreicht, an dem man überhaupt nichts voraussagen kann. Bei jedem Schritt kann man voraussehen, was mit dem nächsten Schritt passieren wird, obwohl der Endpunkt vom Startpunkt aus völlig unsichtbar sein mag.

Die Frage nach der Voraussagbarkeit ist wichtig, weil wir ohne die Fähigkeit, zumindest einige Konsequenzen unserer Handlungen zu erahnen, unmöglich die Entwicklung in eine gewünschte Richtung lenken können.

Transhumanisten unterscheiden sich stark darin, welche Wahrscheinlichkeit sie Vinges Szenario zubilligen. Fast alle, die das Eintreten einer Singularität für möglich halten, glauben, dass sie im nächsten Jahrhundert kommt, und viele meinen, dass sie am wahrscheinlichsten innerhalb der nächsten Jahrzehnte geschehen wird.

Verweise:
Vinge, V. 1993. “The Coming Technological Singularity”. http://www-rohan.sdsu.edu/faculty/vinge/misc/singularity.html

Hanson, R. (ed.) 1998. “A Critical Discussion of Vinge’s Singularity Concept” Extropy Online.
http://www.extropy.com/eo/articles/vi.html




Politik und Gesellschaft
Werden neue Technologien nicht nur den Reichen und Mächtigen zugute kommen? Und was soll mit den anderen geschehen?
Man kann sagen, dass der durchschnittliche Amerikaner heute einen höheren Lebensstandard hat als ein König vor fünfhundert Jahren. Der König mag eine Hofkapelle gehabt haben, aber heute kann sich jeder einen CD-Player leisten, der es einem ermöglicht, jederzeit den besten Musikern zuzuhören. Falls der König eine Lungenentzündung hatte, ist es gut möglich, dass er daran gestorben ist, wir aber können heute Antibiotika nehmen. Der König mag eine Kutsche mit sechs weißen Pferden gehabt haben, aber heute gibt es Autos, die viel schneller und bequemer sind. Außerdem hat man das Fernsehen, einen Internetzugang, Coca Cola, eine Dusche, man kann über das Telefon mit Verwandten auf anderen Kontinenten sprechen und man weiß mehr über die Erde, die Natur und das Weltall, als der König jemals wissen konnte.

Eine typische Eigenschaft von neuen Technologien ist, dass sie mit der Zeit billiger werden. In der Medizin zum Beispiel sind neue Behandlungsmethoden normalerweise nur Versuchspersonen und sehr reichen Leuten zugänglich. Wenn diese Methoden zur Routine werden, sinken ihre Kosten und mehr Menschen können sie sich leisten. Selbst in den ärmsten Ländern haben Millionen von Menschen von Impfstoffen und Penicillin profitiert. Auch in der Computerindustrie sinken die Preise moderner Rechner, sobald bessere Modelle entwickelt werden.

Es ist klar, dass jedermann einen großen Nutzen aus besserer Technik ziehen kann. Zu Beginn jedoch werden diejenigen den größten Vorteil haben, die die Ressourcen, das Wissen und insbesondere den Willen haben, die Benutzung der neuen Werkzeuge zu lernen. Es ist zu vermuten, dass manche Technologien soziale Ungerechtigkeiten vergrößern werden. Wenn z.B. irgendeine Form der Intelligenzverstärkung verfügbar wird, mag sie zuerst so teuer sein, dass sie nur für die Reichsten erschwinglich ist. Das gleiche könnte passieren, wenn wir lernen, unsere Kinder gentechnisch zu verbessern. Reiche Leute würden intelligenter werden und noch mehr Geld verdienen. Dies ist aber überhaupt kein neues Phänomen: Reiche Menschen können ihren Kindern eine bessere Ausbildung zukommen lassen und Mittel wie die Informationstechnologie oder Kontakte zu wichtigen Personen nutzen, die den weniger Privilegierten nicht zugänglich sind.

Der Versuch, technologische Innovationen aus diesen Gründen zu verhindern, wäre verfehlt. Wenn eine Gesellschaft diese Ungleichheiten für inakzeptabel hält, wäre es klüger für diese Gesellschaft, die Umverteilung des Reichtums zu verstärken, zum Beispiel durch Steuern und das Angebot von freien Dienstleistungen (Bildungsgutscheine, Zugang zu Informationstechnologien in öffentlichen Bibliotheken, genetische Verbesserungen, die durch die Sozialversicherung gedeckt werden usw.). Denn ökonomischer und technischer Fortschritt stellen kein Nullsummenspiel dar - das Endresultat ist positiv. Dieser Fortschritt kann dabei nicht die alte politische Frage lösen, zu welchem Grad es wünschenswert ist, das Einkommen umzuverteilen. Aber er kann den Kuchen, der verteilt werden soll, sehr viel größer machen.

Könnten transhumanistische Technologien Gefahren in sich bergen?
Ja, und das bedeutet, dass die Probleme diskutiert und analysiert werden müssen, bevor sie Wirklichkeit werden. Biotechnologie, Nanotechnologie und KI haben das Potential, große und komplexe Gefahren zu schaffen, falls sie unbedacht oder böswillig benutzt werden [siehe “Was geschieht, falls diese neuen Technologien im Krieg eingesetzt werden?"]. Transhumanisten legen größten Nachdruck darauf, dass wir beginnen, diese Themen ernst zu nehmen - und zwar schon jetzt.

Es gibt riesige ethische, soziale, kulturelle, philosophische und wissenschaftliche Fragen, über die detailliert nachgedacht werden muß. Forschung ist ebenso notwendig wie eine möglichst breite öffentliche Debatte. Notwendig ist auch die Schaffung von Institutionen und eines internationalen Rahmens, die die Realisierung verantwortlicher Strategien und wohlüberlegter Regelungen ermöglichen. All das wird seine Zeit brauchen, und je früher wir anfangen, desto größer sind unsere Chancen, die schlimmsten Fallen zu umschiffen.

Ein gutes Beispiel ist das Foresight Institute, das seit einigen Jahren die Forschung und das öffentliche Verständnis kommender transhumanistischer Technologien und insbesondere der molekularen Nanotechnologie fördert.

Verweis:
The Foresight Institute: http://www.foresight.org/

Sollten wir uns nicht auf momentane Probleme konzentrieren, wie beispielsweise die Verbesserung der Lebensumstände der Armen oder die Lösung internationaler Konflikte, statt Anstrengungen zu unternehmen, in die “ferne” Zukunft zu sehen?
Wir sollten beides tun. Wir werden keinen Erfolg damit haben, wenn wir uns nur auf die aktuellen Probleme konzentrieren und versuchen, nur kurzfristige Problemlösungsstrategien anzuwenden—unsere momentanen Lösungsmethoden sind oft unangemessen und wir werden den neuen Problemen unvorbereitet gegenüberstehen.

Viele der transhumanistischen Technologien oder Trends existieren bereits und sind Gegenstand aktueller Debatte geworden. Die Biotechnologie ist bereits Wirklichkeit. Informationstechnologien haben die Umgestaltung großer Bereiche unserer Wirtschaft bewirkt. Was den Transhumanismus betrifft, so geschieht die Zukunft immerzu.

Die meisten der transhumanistischen Technologien wirken in positiver Weise mit anderen Teilen der menschlichen Gesellschaft zusammen und erzeugen dabei Synergieeffekte. Ein wichtiger Faktor bei der Lebenserwartung ist der Zugang zu guter medizinischer Versorgung—Verbesserungen bei der medizinischen Versorgung werden unser Leben verlängern, und es ist wahrscheinlich, dass Fortschritte bei der technologischen Lebensverlängerung der normalen Versorgung zugute kommen werden. Es ist offensichtlich, dass die Arbeit an der Erweiterung der Intelligenz in der Bildung, in rationalem Management und bei der Verbesserung der Kommunikation Anwendung findet. Verbesserungen bei der Kommunikation, in rationalem Denken, beim Handel und bei der Bildung sind sehr wirksame Mittel, um friedliche Lösungen internationaler Konflikte herbeizuführen. Die nanotechnologische Produktion verspricht, sowohl ökonomisch profitabel als auch ökologisch unbedenklich zu sein.

Auf eine Weltordnung hinzuarbeiten, die sich durch Frieden, internationale Zusammenarbeit und Achtung der Menschenrechte auszeichnet, würde es sehr viel unwahrscheinlicher machen, dass jene Anwendungen bestimmter zukünftiger Technologien, von denen Gefahren ausgehen, nicht unverantwortlich oder gar im Krieg genutzt werden. Es würde auch jene Geldmittel, die momentan in die militärische Rüstung fließen, freisetzen und möglicherweise deren Umverteilung mit dem Ziel bewirken, die Lebensverhältnisse der Armen zu verbessern.

Transhumanisten haben genauso wenig wie jeder andere eine simple Patentlösung, die dieses zum Ergebnis haben würde, aber es besteht kein Zweifel, dass Technologie dabei eine Rolle spielt. Beispielsweise kann verbesserte Kommunikation das Einvernehmen zwischen Menschen fördern. Im Zuge dessen, dass mehr Menschen Zugang zum Internet erhalten und die Möglichkeit haben, Satellitenfernsehen und -radio zu empfangen, werden es Diktatoren und totalitäre Regimes schwerer haben, die Stimmen von Dissidenten zu unterdrücken und den Informationfluss zu ihrer Bevölkerung zu kontrollieren. Und wie viele Internetnutzer erleben, findet man durch das World Wide Web Freunde und Bekanntschaften und Geschäftspartner aus der ganzen Welt. Das kann nur eine gute Sache sein.

Wird eine erhöhte Lebenserwartung nicht das Problem der Überbevölkerung verschärfen?
Bevölkerungszunahme ist ein Problem, das wir letzten Endes in Angriff nehmen werden müssen, selbst wenn es keine Lebensverlängerung geben sollte. Manche machen die Technik für das Aufkommen des Überbevölkerungsproblems verantwortlich. Eine andere Betrachtungsweise ist, sich dessen bewusst zu werden, dass die meisten heute lebenden Menschen ohne Technik nicht existiert hätten - jene inbegriffen, die die Überbevölkerung beklagen! Würden wir keine modernen landwirtschaftlichen Methoden mehr anwenden, würden die meisten Menschen bald verhungern oder an den Krankheiten, die Unterernährung zur Folge hat, sterben. Gäbe es keine Antibiotika und keine medizinischen Eingriffe, insbesondere bei der Geburt, wären viele von uns bereits im Säuglingsalter gestorben. Es ist es wert, zweimal nachzudenken, bevor man etwas als “Problem” bezeichnet, dem man seine eigene Existenz zu verdanken hat.

Es lässt sich nicht abstreiten, dass zu schnelles Bevölkerungswachstum beengte Verhältnisse, Armut und Erschöpfung natürlicher Ressourcen zur Folge hat. In dieser Hinsicht besteht ein echtes Problem. Programme zur Empfängnisverhütung und Familienplanung, insbesondere für Paare in den ärmeren Ländern, wo das Bevölkerungswachstum am größten ist, sollten unterstützt werden. Der permanente Druck durch einige religiöse Interessengruppen in den Vereinigten Staaten, diese humanitären Bemühungen zu unterbinden, sind aus transhumanistischer Sicht höchst abwegig.

Wie viele Menschen die Erde bei einem komfortablen Lebensstandard und ohne der Umwelt zu schaden zu tragen im Stande ist, hängt von der technischen Entwicklung ab. Neue Technologien, von einfachen Verbesserungen bei der Bewässerung und im Management bis hin zu den aktuellen Durchbrüchen in der Gentechnologie, sollten weiterhin die weltweite Nahrungsmittelproduktion verbessern (und dabei das Leiden von Tieren verringern).

In einem haben Umweltschützer Recht, nämlich darin, dass der Status Quo nicht haltbar ist. Die Dinge können, schon aus physikalischen Gründen, nicht auf unbegrenzte Zeit, oder auch nicht sehr lange so bleiben, wie sie heute sind. Wenn wir weiterhin im selben Tempo Ressourcen verbrauchen, wie wir es zur Zeit tun, dann werden wir innerhalb der ersten Hälfte des nächsten Jahrhunderts ernsthafter Ressourcenknappheit gegenüberstehen. Öko-Fundamentalisten haben darauf eine Antwort: Sie schlagen vor, dass wir die Uhr zurückdrehen und in ein idyllisches vorindustrielles Zeitalter zurückkehren, das mit der Natur in Einklang steht. Das Problem besteht darin, dass das vorindustrielle Zeitalter alles andere als idyllisch war—Armut, Elend, Krankheit und schwere körperliche Arbeit von früh bis spät. Das wollen wir nicht. Es ist auch schwer vorstellbar, wie ein vernünftiger Lebensstandard mit vorindustriellen Produktionsmethoden für mehr als ein paar hundert Millionen Menschen aufrecht erhalten werden könnte, man müsste sich also von 90% der Weltbevölkerung irgendwie trennen.

Transhumanisten legen eine viel realistischere Alternative nahe: nicht zurückzugehen, sondern mit aller Kraft nach vorn zu drängen. Die Umweltprobleme, die durch die Technik entstehen, sind Probleme unausgereifter, ineffizienter Technologien. Technologisch weniger fortgeschrittene Industrien im ehemaligen Sowjetblock verschmutzen die Umwelt sehr viel mehr als es die entsprechenden im Westen tun. Hightechindustrien sind relativ umweltfreundlich. Wenn wir molekulare Nanotechnologie entwickeln, werden wir nicht nur eine perfekt saubere und effiziente Produktion praktisch jeder Ware haben, wir werden auch in der Lage sein, die Unordnung zu beseitigen, die von den heutigen groben Produktionsmethoden verursacht wird. Solch hohe Anforderungen für eine sauberen Umwelt zu stellen, hierin fordern Transhumanisten Umweltschützer heraus.

Nanotechnologie wird es auch kostengünstig machen, den Weltraum zu kolonisieren. Aus einem kosmischen Blickwinkel ist die Erde ein völlig unbedeutender kleiner Punkt. Es wurde nahegelegt, dass wir den Weltraum in seiner ursprünglichen Herrlichkeit erhalten und ihn unberührt lassen sollten. Diese Ansicht ist kaum ernst zu nehmen. Jede Stunde werden durch rein natürliche Prozesse immense Mengen an Ressourcen—die in keinem Verhältnis zu dem stehen, was die menschliche Spezies je verbraucht hat—in radioaktive Substanzen umgewandelt oder in Form von Strahlung, die in den intergalaktischen Raum entweicht, verschwendet. Es bedarf keiner großen Vorstellungskraft, um sich eine etwas kreativere Art zu erdenken, diese Materie und Energie zu nutzen.

Bevölkerungswachstum kann jedoch selbst bei größtmöglicher Weltraumkolonisation weiterhin ein Problem darstellen (selbst wenn wir annehmen, dass eine unbegrenzte Zahl von der Erde in den Weltraum transportiert werden könnte). Wenn das Expansionstempo durch die Lichtgeschwindigkeit begrenzt wird, dann wird die Menge an Ressourcen, die sich unter menschlicher Kontrolle befindet, nur polynomisch (~t3) zunehmen, Populationen können hingegen leicht exponentiell wachsen (~et ). Wenn dies der Fall ist, so wird, da ein exponentiell wachsender Faktor letztlich jeden polynomisch wachsenden überholen wird, das Durchschnittseinkommen schließlich auf das malthusische Existenzminimum fallen und eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums bewirken. Wie bald dies passieren würde, hängt primär von den Reproduktionsraten ab. Ein Anstieg der Lebenserwartung hat keinen großen Effekt. Selbst eine extrem verbesserte Technologie kann das Unvermeidliche nur für eine, relativ gesehen, kurze Zeit aufschieben. Die einzige langfristige Lösung ist eine Bevölkerungskontrolle, die die Zahl der jährlich neu hinzukommenden Personen begrenzt. Das bedeutet nicht, dass die Population nicht wachsen könnte, sondern nur, dass das Wachstum polynomisch statt exponentiell sein müsste.

Einige weitere Punkte, die man bedenken sollte:

In technologisch fortgeschrittenen Ländern tendieren Paare dazu, weniger Kinder zu haben—die Wachstumsrate wird sogar negativ. Die einzige Ursache für das Bevölkerungswachstum in vielen westlichen Ländern ist Immigration. Es ist eine empirische Tatsache, dass Menschen weniger Kinder haben, wenn ihnen die Möglichkeit zur Bildung gegeben wird (insbesondere auch, wenn Frauen gleichberechtigt sind) und sie ihr Leben rationaler planen können. 
Wenn man die Idee ernst nehmen würde, die Lebenszeit zu beschränken, um das Bevölkerungswachstum zu kontrollieren, warum sollte man dann nicht ein wenig aktiver werden? Weshalb sollte man nicht zum Suizid anhalten? Warum nicht jeden, der das Alter von 75 Jahren erreicht, exekutieren? - Das ist natürlich absurd. 
Eine Erhöhung der Lebenserwartung würde das Überbevölkerungsproblem nicht in größerem Maße verschärfen als eine Verbesserung der Fahrsicherheit oder der Sicherheit am Arbeitsplatz, oder eine Reduzierung der Gewaltverbrechen. 
Wenn Transhumanisten davon sprechen, dass sie die Lebenszeit verlängern wollen, so meinen sie damit, dass sie jene Zeit verlängern wollen, in der man sich in einem guten Gesundheitszustand befindet. Es macht keinen Sinn, weitere zehn Jahre im Zustand der Demenz zu verbringen. Das bedeutet, dass die zusätzlichen Jahre produktiv wären und die Gesellschaft wirtschaftlich stärken würden. 
Das Bevölkerungswachstum hat seit einigen Jahren abgenommen. Es erreichte 1970 mit 2,07% seinen Höhepunkt. 1998 lag Wachstumsrate bei 1,33%. Es wird erwartet, dass sie 2016 unter 1% sinkt. [UN-Bericht (1998)]. Die Weltuntergangsvorhersagen des Club of Rome aus den frühen 70er Jahren dieses Jahrhunderts haben sich als durchweg falsch erwiesen. 
Je mehr Menschen es gibt, desto mehr Denkarbeit kann geleistet werden, um neue Ideen und Problemlösungen zu entwickeln. 
Wenn Menschen ein längeres Leben vor sich haben werden, werden sie sich im eigenen Interesse hoffentlich mehr mit den langfristigen Folgen ihres Handelns auseinander setzen.

Verweise:
United Nations. World Population Prospects: The 1998 Revision (United Nations, New York). http://www.popin.org/pop1998/

. Ergänzung zur deutschen Version der FAQ:

Die Bevölkerungszunahme ist längst nicht das Problem, als das sie in den meisten Medien dargestellt wird. Dass die Bevölkerung im Moment so stark wächst, liegt gerade daran, dass die Produktionskapazitäten der Erde soweit zunehmen, dass sie diesen zusätzlichen Personen die für ihr Leben notwendige Nahrung und ausreichend Trinkwasser liefern kann. Wäre dies nicht so, würde das passieren, was über die letzten Hunderte von Jahren die Norm war: Die Bevölkerung blieb deswegen konstant, weil Menschen scharenweise verhungert sind. Insofern ist die jetzige Zunahme der
Bevölkerung eher als ein Geschenk der Technik zu sehen, die es Milliarden von Menschen erlaubt zu leben, die früher verhungert wären, denn als Zivilisationskrankheit.

Während viele, die ein Schreckensbild der sogenannten “Bevölkerungsexplosion” (man beachte den rhetorisch geschickt gewählten, Angst einflößenden Begriff) zeichnen, dies zugestehen, so behaupten sie dennoch, dass dies nur vorübergehend der Fall sei; über kurz oder lang werde das Bevölkerungswachstum die Technik überholen, und es werde eine Phase des Massensterbens folgen, verbunden mit Kriegen und, je nachdem, wem man glaubt, dem Untergang der menschlichen Zivilisation. Der einzige Weg, dies zu verhindern, seien sofortige drastische Maßnahmen zur zwangsweisen Reduzierung der Geburtenrate. Tatsache ist aber, dass über das letzte Jahrhundert nicht nur die Nahrungsmenge insgesamt, sondern sogar die Nahrungsmenge pro Kopf kontinuierlich gestiegen ist. Uns müsste tatsächlich irgendwo in der Zukunft ein unüberwindbarer, so noch nie dagewesener Stillstand des technischen Fortschritts konfrontieren, damit die angegebenen Schreckensszenarien wahr werden könnten. Warum so eine Blockade höchstwahrscheinlich nie auf uns zukommen wird, ist ausführlich in Simon 1996 (s.u.) dargelegt.

Doch auch ohne langatmige allgemeinen Theorien zu bemühen, kann folgendes plausibles Argument gegeben werden: Es ist wahrscheinlich, dass ganz ohne fremde Intervention das Bevölkerungswachstum zum Stillstand kommen wird. Dies liegt am Prozess des sogenannten “demographischen Übergangs”, der besonders deutlich in den westlichen Industriestaaten zu beobachten ist, von denen einige inzwischen sogar negatives Bevölkerungswachstum aufweisen. Er beruht auf der empirischen
Erfahrung, dass mit steigender gesellschaftlicher und technischer Entwicklung die Zahl der Kinder pro Familie abnimmt. So geht im Moment die UNO davon aus, dass auf die gesamte Erde bezogen die Bevölkerung im 21. Jahrhundert ein Plateau von 8 Milliarden erreichen wird, dass nicht überschritten wird. Aber 8 Milliarden Personen zu ernähren und zu versorgen, ist selbst mit der jetzigen Technik ohne grundsätzliche Probleme machbar. Selbst die momentan beobachtete steigende Lebenserwartung würde diese Grenze nur um ein Paar Milliarden nach oben verschieben, immer noch in einem Bereich, der mit jetzigen Mitteln gut zu handhaben ist. Und unter Benutzung zu erwartender Verbesserungen der landwirtschaftlichen Produktion, insbesondere durch die Gentechnik, dürfte sich in absehbarer Zeit weltweit sogar eher eine Überversorgung einstellen, so, wie sie in der EU jetzt schon sichtbar ist.

Eine ganz andere Fragestellung ergibt sich natürlich, wenn es durch die Technik möglich wird, die Lebensspanne radikal, auf 200 Jahre oder wesentlich weiter, zu verlängern. Hier kommen dann aber auch ganz andere Voraussetzungen und Argumentationen zum Tragen. Es ist kaum möglich, sich eine Zukunft vorzustellen, die auf der einen Seite eine Technologie zur Verfügung hat (etwa Gentechnik oder Nanotechnologie), die so mächtig ist, dass sie den ganzen biologischen Apparat des Menschen grundlegend auf Langlebigkeit hin verbessern kann, der es aber nicht gelingt, den landwirtschaftlichen Produktionsausstoß auch nur zu verdoppeln. Und mehr als eine zusätzliche Verdopplung wäre selbst im ganzen 21. Jahrhundert
nicht nötig, selbst wenn es jetzt sofort unbegrenzte Lebensspanne für alle gäbe, weil sich deren Effekte erst über sehr lange Zeitspannen bemerkbar machen würden. Sich über das 21. Jahrhundert hinaus Sorgen zu machen, scheint angesichts der dauernden Veränderungen der Technik und Gesellschaft ähnlich absurd, wie wenn sich ein Gelehrter des 18. Jahrhunderts darüber Gedanken macht, ob es je möglich sein wird, dass die Erde eine Milliarde Menschen ernähren kann (im Moment sind es 6 Milliarden).

Einige Anmerkungen seien zu diesem Thema dennoch gemacht: Einerseits dürfte uns die Kolonisation des Weltraums weitreichende neue Lebensräume erschließen; andererseits sei nochmal auf den demographischen Übergang hingewiesen. Es ist gar nicht klar, dass in einer Welt, die einen sehr hohen technischen Wohlstand besitzt, der Wunsch, Kinder zu bekommen,
noch so ausgeprägt sein wird wie jetzt. Schließlich sei noch das Uploading (siehe dort) erwähnt; es würde auf einen Schlag sämtliche Versorgungsprobleme (mit Ausnahme des Stroms) lösen und wohl zumindest einer Millionen mal so viel Personen, wie jetzt auf der Erde sind, (virtuellen) Lebensraum bieten.

Referenzen:
Julian L. Simon: The Ultimate Resource 2. Princeton University Press 1996.

Gibt es einen ethischen Standard, nach welchem Transhumanisten über eine “Verbesserung der Bedingungen menschlichen Daseins” urteilen?
Der Transhumanismus lässt sich mit einer Vielzahl ethischer Systeme vereinbaren, und Transhumanisten haben selbst viele unterschiedliche Ansichten. Nichtsdestoweniger scheint man im Folgenden grundsätzlich übereinzustimmen:

Transhumanisten sind der Ansicht, dass die Bedingungen menschlichen Daseins verbessert worden sind, wenn die Daseinsbedingungen von Individuen verbessert worden sind. Praktisch heißt das, dass der Einzelne in der Regel darüber zu befinden hat, was gut für ihn/sie ist. Deshalb treten Transhumanisten für individuelle Freiheit ein, insbesondere für das Recht derer, die Technologie zur Erweiterung ihrer psychischen und physischen Kapazitäten einzusetzen beabsichtigen und ihre Kontrolle über ihr Leben zu verbessern wünschen.

Von diesem Standpunkt aus ist eine Verbesserung der Bedingungen menschlichen Daseins eine Änderung, die Individuen mehr Möglichkeiten gibt, sich selbst und ihr Leben nach ihren Wünschen bedacht zu formen. Beachten Sie das Wort “bedacht”. Es ist wichtig, dass sich die Menschen zu Bewusstein kommen lassen, was sie wählen. Bildung, Informationsfreiheit, Informationstechnologien, “Idea Futures” und eine mögliche Erweiterung der Intelligenz können Menschen dabei helfen, wohlbedachte Entscheidungen zu treffen. (Idea Futures ist ein Vorschlag, einen Markt zu schaffen, der es uns ermöglicht, Wetten auf ungesicherte wissenschaftliche Hypothesen oder Vorhersagen über die Zukunft abzuschließen, und der auf diese Weise aufrichtigen Konsens fördert. Hanson (1990).)

Verweise:
Hanson, R. 1990. “Could Gambling Save Science?”. Proc. Eighth Intl. Conf. on Risk and Gambling, London.
http://hanson.berkeley.edu/gamble.html

Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, in der Posthumane leben?
Es ist zu diesem Zeitpunkt nicht genügend Information verfügbar, um auf diese Frage vollständig zu antworten. Die Eigenschaften einer Gesellschaft, in der Posthumane leben würden, hängen von den Eigenschaften der Posthumanen ab, die sich aus den heutigen Menschen entwickeln. Zum heutigen Zeitpunkt ziehen Transhumanisten verschieden Wege einer möglichen posthumanen Evolution in Betracht [siehe “Was sind Posthumane?"]. Einige dieser möglichen Wege könnten zur Folge haben, dass nur ein einziges posthumanes Wesen existiert, aber nur die Zeit wird zeigen, welcher dieser Wege, wenn überhaupt, zu einer ganzen Gesellschaft von Posthumanen hinführen wird.

Transhumanisten können Vermutungen darüber anstellen, wie Posthumane mit Menschen interagieren könnten—vorausgesetzt, dass Posthumane überhaupt mit Menschen zu interagieren beabsichtigen werden—aber es ist schwierig, sich vorzustellen, auf welche Weise Posthumane in einer Gesellschaft leben werden. Zu diesem Zeitpunkt würde jede Konstruktion einer posthumanen Gesellschaft auf den gegenwärtigen Erfahrungen und Wunschvorstellungen von Menschen oder Transhumanen basieren, Dinge, die für Posthumane möglicherweise überhaupt nicht relevant sein werden. Sehr wahrscheinlich werden Posthumane gänzlich neue Formen gesellschaftlichen Lebens entwickeln. Manche erhoffen sich, wenn sich die Entstehung einer posthumanen Gesellschaft abzeichnet, die Gelegenheit dazu zu haben, ihre Interaktionen mit Menschen, Transhumanen und Posthumanen zu beobachten, um daraus eventuell eine Vorstellung davon ableiten zu können, welche Eigenschaften die sich entwickelnde posthumane Gesellschaft haben könnte.

Was geschieht, falls diese neuen Technologien im Krieg eingesetzt werden? Könnten sie unsere Auslöschung bewirken?
Einige der Technologien, die im nächsten Jahrhundert entwickelt werden, werden sehr, sehr mächtig sein. Wenn sie mißbraucht werden, könnten sie den Menschen und der Umwelt großen Schaden zufügen. Im schlimmsten Fall könnten manche von ihnen sogar die Auslöschung allen intelligenten Lebens verursachen. Das ist das schlimmstmögliche Ergebnis, und es muß um jeden Preis verhindert werden.

Hier einige menschheitsvernichtende Szenarien, die von Transhumanisten diskutiert wurden:

Graue Schmiere ("gray goo") --- Selbstreplizierende Nanomaschinen [siehe “Was ist Nanotechnologie?"] geraten versehentlich außer Kontrolle und verzehren die komplette Biosphäre, die dabei in “graue Schmiere” umgewandelt wird. Da die molekulare Nanotechnologie völlig neue Möglichkeiten von chemischen Reaktionen eröffnen wird, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass das ökologische Gleichgewicht, das das Wachstum von organischen Selbstreplikatoren begrenzt, ein Hindernis für die Nanoreplikatoren darstellen würde.

Im Prinzip sollte es relativ einfach sein, vielfältige Schutzmechanismen zur Verhinderung dieses Szenarios zu errichten. Man könnte die selbstreplizierenden Maschinen zum Beispiel von einem “Vitamin” abhängig machen - von einer seltenen Chemikalie, ohne die sie nicht funktionieren. Oder man könnte adaptive Mutationen durch entsprechende Konstruktion beliebig unwahrscheinlich machen. Experimente mit Selbstreplikatoren könnten auf hermetisch abgeschlossene Labors beschränkt sein, auf kleine Kammern, die automatisch explodieren und ihren Inhalt verdampfen, falls irgend etwas versucht, die Wände zu durchdringen (entweder von innen oder von außen). Folglich könnte das “gray goo"-Szenario verhindert werden, wenn die Entwicklung der Nanotechnologie von verantwortungsbewußten Personen und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt wird.

Schwarze Schmiere ("black goo") --- Nach einhelliger Meinung stellt “black goo”, die vorsätzliche Produktion von zerstörerischen Nanomaschinen, ein weit größeres Problem dar.

Eine Methode, der Bedrohung durch “black goo” entgegenzutreten, ist die Entwicklung von “aktiven Schutzschilden” - automatisierten Verteidigungssystemen, deren offensiver Einsatz durch eingebaute Schutzmechanismen eingeschränkt oder verhindert wird. Man kann sich ein globales Immunsystem aus Nanomaschinen vorstellen, die die Erdoberfläche auf der Suche nach gefährlichen Replikatoren durchstreifen. Obwohl es schließlich möglich sein mag, ein verläßliches globales Immunsystem aufzubauen, ist ein Problem dieser Methode, dass dies sehr viel schwieriger sein könnte, als die destruktiven Nanomaschinen herzustellen. In diesem Fall gäbe es einen Zeitraum, in dem die Welt ungeschützt ist. Während dieser Zeit wäre es unbedingt erforderlich, Angreifer durch Verträge über Nicht-Weiterverbreitung und durch weltweite Regulierungen vom Mißbrauch der Nanotechnologie abzuhalten.

Ein anderer Weg, das Risiko der Auslöschung zu vermindern, bestünde in der Gründung von im Weltall verteilten Kolonien. Das Problem ist aber wiederum, dass es zu lange dauern könnte, bis dies in großem Maßstab möglich ist.

Die Dauer dieser kritischen Phase (von der Entwicklung der gefährlichen Nanomaschinen bis zu der Entwicklung einer angemessen Verteidigung) hängt vom Tempo der technologischen Entwicklung während dieser Zeit ab. Leute, die an eine Singularität glauben [siehe “Was versteht man unter der Singularität?"], gehen davon aus, dass der Zeitraum sehr kurz sein kann.

Superintelligenz --- Während Transhumanisten Superintelligenz allgemein anstreben, befürchten manche, dass eine ungeeignet programmierte Superintelligenz die Vernichtung der Menschheit oder sogar des intelligenten Lebens insgesamt, sich selbst eingeschlossen, beschließen könnte. Diese Sorge wird durch den Gedanken verstärkt, dass eine Superintelligenz so fremd und dem menschlichen Geist intellektuell so überlegen wäre, dass wir ihre Motivationen nur äußerst schwer vorausahnen oder regulieren könnten und keine Möglichkeit hätten, sie gegen ihren Willen zu kontrollieren. [siehe “Wie werden Posthumane oder superintelligente Maschinen mit Menschen umgehen, die nicht in einen posthumanen Zustand versetzt worden sind?"]

Nukleare und biologische Waffen --- Diese sind weiterhin eine Bedrohung. Heutzutage scheinen die Waffenarsenale zu klein zu sein, um unsere Spezies auszulöschen. Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, dass mit Hilfe der Gentechnik noch tödlichere biologische Mittel produziert werden können als die schon existierenden. Wir können hoffen, dass die Entwicklung von Impfstoffen und Gegengiften mit der Entwicklung von Giften und Seuchen mithalten wird - wissen können wir das aber nicht mit Sicherheit.

Dem Entgegenwirken der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen sollte jede verantwortliche Nation höchste Priorität beimessen. Selbst wenn man von einem großen Krieg, der unsere Spezies vernichtet, absieht, kann man sich leicht ein verbrecherisches Land oder eine Gruppe von Terroristen vorstellen, die mit solchen Waffen viele zivile Opfer verursachen und die Zivilisation erschüttern könnten, zum Beispiel in einem Erpressungsfall.

Andere Weltuntergangsszenarien --- Ein außer Kontrolle geratener Treibhauseffekt, bei dem die Erwärmung immer mehr Methan freisetzt (nach Meinung der meisten Transhumanisten nicht ausreichend für unsere Auslöschung). Natürlich auftretende Pandemien, die sich durch den interkontinentalen Verkehr schnell verbreiten (werden uns kaum alle töten, sollten aber ernst genommen werden). Einschlag eines Kometen oder Asteroiden (sehr unwahrscheinlich). Zerfall eines metastabilen Vakuums durch hochenergetische Beschleunigungsexperimente (die Energien, die wir heute erreichen, sind viel geringer als die, die in der kosmischen Hintergrundstrahlung ständig auftreten, aber mächtigere Methoden, Teilchen zu beschleunigen, könnten in der Zukunft möglicherweise eine Gefahr darstellen). Zweifellos gibt es andere Gefahren, an die wir bisher nicht gedacht haben. In diesem Zusammenhang ist das kontroverse Carter-Leslie-Doomsday-Argument wichtig, nach dem sich aus der Bayesschen Wahrscheinlichkeitstheorie und ein paar trivialen empirischen Annahmen herleiten lassen soll, dass das Risiko der Auslöschung der Menschheit bisher systematisch unterschätzt wurde [siehe Verweis].

Verweise:
Drexler, E. 1986. The Engines of Creation: The Coming Era of Nanotechnology, chapters 11-15.
http://www.foresight.org/EOC/index.html

Leslie, J. 1996. The End of the World: The Ethics and Science of Human Extinction. Routledge.

Bostrom, N. 1996. “Investigations into the Doomsday argument” http://www.anthropic-principle.com/preprints.html

Wie werden Posthumane oder superintelligente Maschinen mit Menschen umgehen, die nicht in einen posthumanen Zustand versetzt worden sind?
Das hängt von den Motiven der Posthumanen ab, und niemand weiß die genaue Antwort. Betrachten wir drei mögliche Szenarien etwas näher:

(a) Es ist möglich, dass eine zukünftige Gesellschaft sowohl Menschen als auch Posthumane umfassen wird sowie viele verschiedene Transhumane. Insbesondere wenn Posthumane sich allmählich entwickeln sollten, kann man sich gut vorstellen, dass es eine Phase geben wird, in der viele verschiedene Lebensformen friedlich koexistieren werden. Vielleicht werde

Posted by Santiago Ochoa on 2004/05/19 • (0) Comments
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